D A S K A P I T A L
Deutsche Ausgabe Karl Korsch / Gustav Kiepenheuer Verlag, Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
Das Kapital, Band I, 1932
1.
KARL MARX DAS KAPITAL KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE UNGEKÜRZTE AUSGABE NACH DER ZWEITEN AUFLAGE VON 1872 GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG BERLIN [Copyright 1932 by Gustav Kiepenheuer Verlag A G. Berlin
768 S.
2.
1 Titel
3 Gewidmet [...] Wilhelm Wolff.
5 Geleitwort zur neuen Ausgabe. Karl Korsch, Berlin, 28. April 1932
34 Zur ersten Auflage. Karl Marx, London, 25. Juli 1867
39 Zur zweiten Auflage. Karl Marx, 24. Januar 1873
47 Der Produktionsprozeß des Kapitals
49 Erster Abschnitt. Ware und Geld
149 Zweiter Abschnitt. Die Verwandlung von Geld in Kapital
179 Dritter Abschnitt. Die Produktion des absoluten Mehrwerts
301 Vierter Abschnitt. Die Produktion des relativen Mehrwerts
473 Fünfter Abschnitt. Die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts
495 Sechster Abschnitt. Der Arbeitslohn
500 Siebenter Abschnitt. Der Akkumulationsprozess des Kapitals
719 Karl Marx über den Gang seiner politisch-ökonomischen Studien und ihr allgemeines Ergebnis (Aus dem Vorwort "Zur Kritik der politischen Okonomie", 1859)
723 Eigennamen im "Kapital"
734 Verzeichnis der zitierten Werke
748 Münzen, Gewichte uns Masse
749 Fremdwörter im "Kapital"
763 Inhaltsverzeichnis
3.
Druck: Oscar Brandstetter, Leipzig [Abteilung Jakob Hegner]
Erschienen: 1932
Verlagseinband: Leinen, Schutzumschlag und Einbandentwurf von Georg Salter
Preis: Kiepenheuer-Auflage 2,85 Mark
ADGB-Auflage 2,50 Mark
Auflage: 50.000
Schutzumschlag von Georg Salter
Zu Beginn der Dreißigerjahre verschärfte sich die Wirtschaftskrise. In Italien, Deutschland erstarkte der Faschismus. In der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale setzte sich Joseph Stalin durch, sie bekämpften die Sozialdemokratie als "Sozialfaschisten". Nachdem der Originalverlag Otto Meissner die Herausgabe beendet hatte, spiegelte sich die verheerende Spaltung der Arbeiterklasse in drei verschiedenen deutschen Ausgaben von Das Kapital wider, die jede einen Alleivertretungsanspruch auf das wahre Wort Karl Marxens erhob, um ihre politische Legitimation ihrer Herausgeber zu beweisen: Die Sozialdemokratie warb für die Kautsky-Volksausgabe im Dietz-Verlag, das Moskauer Marx-Engels-Lenin Institut setzte dem eine eigene Volksausgabe entgegen, der parteilose Rätekommunisten Karl Korsch brachte im kommerziellen Verlag Gustav Kiepeheuer eine eigene Ausgabe heraus.
Der Jurist und Philosoph Karl Korsch (1886-1961) war 1918 Mitbegründer des Arbeiter-und Soldatenrats in Meiningen, wurde Mitglied der 1920 gegründeten Kommunistischen Pare Deutschlands, aus der er 1926 als "Linksabweichler" ausgeschlossen wurde. Er lehrte Jura, war kurz Minister in Thüringen, Landtags-und Reichtagsabgeordneter.
Karl Korsch beschäftigte sich intensiv mit der Krise der marxistischen Theorie seiner Zeit. Indem er die materialistische Geschichtsauffassung, die marxistische Methode auf den Marxismus selbst, die Entwicklung der Arbeiterbewegung anwandte. Er veröffentlichte Kernpunkte der materialistischen Geschichtsauffassung (1922), Marxismus und Philosophie (1923), später in London Karl Marx (1938). Er übte Einfluss aus auf linke Intellektuelle, darunter Bertolt Brecht.
An der Vorbereitung der Kapital-Ausgabe war der sozialistische Student Pal Partos (1911-1964) aus Ungarn beteiligt. Korsch erinnerte ihn in einem Brief vom 25. November 1935 an die Zusammenarbeit: "Schon bei der Vorbereitung meiner Ausgabe des Kapital 1932 hatten wir ausgiebig festgestellt [...]".
Gustav Kiepenheuer war einer der wichtigsten Verleger der Weimarer Republik. Er veröffentlichte Klassiker und zeitgenössische Autoren, darunter Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers.
Grundlage von Korschs Ausgabe ist nicht die von Friedrich Engels besorgte vierte Auflage von Das Kapital, sondern die zweite. Sie gilt als Ausgabe letzter Hand. Korsch benutzte zudem die französische Übersetzung und Kautskys Volksausgabe von 1914.
Einband für den Sonderdruck des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
Einband für den Sonderdruck des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
Sonderdruck für den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund
F. Engels, se conformant aux désirs et indications de Marx, a introduit dans le texte allemand des 3e et 4e éditions (le texte de cette dernière est identique à celui de Molitor), bien des éléments de l’édition française (Lachâtre), mais il a le plus souvent négligé de supprimer les parties correspondantes du texte allemand. Il s’ensuit que bien des choses y sont présentées d’une façon incohérente et parfois contradictoire. Mais ce qui est pis, c’est qu’il en résulte un mélange de deux principes absolument différents du développement et de l’exposition des idées."
Die Titelseite vermerkt nicht, dass es sich um den ersten Band von Das Kapital handelt. Wie auch der Dietz-Verlag 1914 warb, dass es sich beim ersten Band um ein abgeschlossenes Werk handele. Einem Teil der Auflage lag allerdings eine Postkarte des Verlags bei, die den Lesern anbot: "Wir werden uns nur erlauben, Sie bei Erscheinen des 2. und 3. Buches zu benachrichtigen." Dazu kam es nicht mehr, da wenige Monate später die Nationalsozialisten an die Macht kamen, Korsch ins Exil gehen musste. Über Kiepenheuer schreibt Siegfried Lokatis in 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage: "Wirtschaftlich ist es dem Verlag nie besser gegangen als während des Zweiten Weltkrieges" (S. 213).
Der Schutzumschlag und Einband wurde von Georg Salter (1897-1967) entworfen. Der bedeutende Grafiker wurde bekannt durch die Buchumschläge von Döblins Berlin Alexanderplatz, Guilbeauxs Wladimir Iljitsch Lenin. Er war dem Verlag so wichtig, dass er den Umschlag auf dem Titel unterzeichnen durfte.
Ein Teil der hohen Erstauflage erschien mit eine veränderter Titelseite und zwei verschiedenen Einbänden als Lizenzdruck des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds. 1932 zählte der 1919 gegründete sozialdemokratische Dachverband 28 Gewerkschaften mit 3,8 Millionen Mitgliedern. Er galt als die größte Gewerkschaft der Welt.
Die Rezeption von Korschs Kapital-Ausgabe ist ebenso gespalten wie die Arbeiterbewegung der Zeit. Sozialdemokratische und kommunistische Kritiken fallen vernichtend aus, nicht ohne für die eigenen Kapital-Ausgaben zu werben. Im parteilosen Institut für Sozialforschung wird das Werk des parteilosen Kommunisten dagegen gelobt.
Unter dem Titel "Volksausgabe ? — Fehlausgabe." schreibt J-P-M. einen Verriss im sozialdemokratischen Vorwärts vom 18. August 1932: "Mancher Leser wird wahrscheinlich eine präzise Zusammenfassung des zentralen Gedankenganges des „Kapital" vermissen; auch die Ausführungen, die Korsch über die „dialektische" Methode des „Kapital" macht, werden einem voraussetzungslosen Leser wenig helfen. [...] Die vorliegende Ausgabe trägt auf dem Titelblatt den Zusatz: 'Ungekürzte Ausgabe nach der zweiten Auflage von 1872'. Das stimmt nicht ganz. Eine ganze Reihe wichtiger Anmerkungen sind entweder gekürzt oder ganz weggelassen worden. Da die Anmerkungen bei der Marxschen Arbeitsweise in einer innigen Verbindung zum Text stehen, so verliert die Ausgabe damit jeden wissenschaftlichen Wert, den sie allerdings auch nicht beansprucht, da sie wissenschaftlich ungeschulten Lesern die Ideen das „Kapital" nahebringen will. Wer also einen wissenschaftlich zuverlässigen Text haben will, muß nach wie vor zur großen „Kapital"-Ausgabe greifen, die Karl Kautsky im Dietz-Verlag herausgegeben hat."
Korsch betont in der Einleitung, dass sich seine Ausgabe "beträchtlich" von Friedrich Engels' kanonisierten vierten Auflage, aber auch von Karl Kautskys Volksausgabe unterscheide, obwohl diese sich ebenfalls auf die zweite Auflage beruft. Korsch Ausgabe zeige "eine viel größere Beschränkung" bei der Berücksichtigung von Abweichungen anderer Ausgaben. Es sei sinnlos, den Text, der "bereits der Geschichte angehört", neuen Entwicklungen "so viel als möglich 'anpassen' zu wollen". Dies versuchte Engels in verschiedenen Fußnoten und war Auftrag der Sozialdemokratischen Partei an Kautsky für die Volksausgabe.
Von 1041 Fußnoten, ließ Korsch deren 914 übrig, manche gekürzt. Fremdsprachige Zitate und manche Fremdwörter wurden übersetzt. Den Text von 1872 hatte Kautsky 1914 an die reformierte Rechtschreibung angepasst, Korsch modernisierte ihn weiter ("des Mehrwertes"/" des Mehrwerts").
Das Buch erschien im Frühjahr oder Sommer 1932. Das Vorwort ist auf den 28. April 1932 datiert, eine Besprechung erschienen im Vorwärts vom 17. August 1932.
Im September 1932 druckte die Zeitschrift La Critique sociale einen Brief Korschs an die Redaktion ab über "la nouvelle édition du Capital, que j’ai préparée d’une manière peut-être un peu trop forcée (pour des motifs extérieurs déterminés par l’éditeur), mais, je l’espère, conforme aux exigences de notre temps. Cette édition, très bon marché, paraît en 50.000 exemplaires à la fois chez Kiepenheuer et (ceci à mon insu, mais non contre ma volonté) aux Etions de la C.G.T. allemande. [...] Toutes les éditions parues après la 2e édition allemande de 1872 et l’édition française de 1872-1875 (Lachâtre) ont un caractère extrêmement hybride.
Verlagspostkarte im ersten Band von Das Kapital
"Die drucktechnisch einwandfreie, handliche und erstaunlich billige Neuausgabe hat den besonderen Vorzug, daß darin alles getan ist, um dem Nichtfachmann die Lektüre zu erleichtern: alle fremdsprachlichen Zitate sind übersetzt, die anglizistischen Eigentümlichkeiten des Marxschen Stils ins Deutsche übertragen, Stichworte am Kopf jeder Seite erleichtern die Orientierung, Fußnoten, die für den heutigen Leser belanglos sind, wurden gekürzt oder ganz weggelassen, und am Schluß finden sich ausreichende biographische Notizen über alle wichtigen Eigennamen, eine Aufführung der zitierten Werke und ein Fremdwörterverzeichnis. Diese bedeutende herausgeberische Leistung darf trotz gelegentlicher Irrtümer als geglückt gelten, der Herausgeber hat die große Schwierigkeit, bei allem Bemühen um Popularisierung eine möglichst treue Wiedergabe des Originals zu geben, mit Erfolg gelöst. [...] Allerdings können uns die K.schen Argumente für die Überlegenheit der 2. Auflage des M.schen Werkes gegenüber den späteren Überarbeitungen von Marx und Engels bzw. Kautsky und Rjasanov, nicht ganz davon überzeugen, ob es nicht doch richtiger gewesen wäre, eine spätere Ausgabe zugrunde zu legen."
Das Buch erschien wenige Monat vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der von ihnen organisierten Bücherverbrennungen, so dass seine Verbreitung rasch verhindert wurde.
Eine angebliche Neuauflage von 1952 gab es nicht, vielmehr die Verwechslung einer unscharfen "3" mit "5" im Copyright-Datum 1932. In den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde in der Bundesrepublik Deutschland Korschs Ausgabe als Alternative zur Dietz-Ausgabe der DDR neu veröffentlicht. Die Sozialdemokraten hatten sich schon 1959 in Bad Godesberg von Karl Marx verabschiedet. Die Studentenbewegung entdeckte Korsch als Vorbild, weder Sozialdemokrat, noch Stalinist. Seine Einleitung zum Kapital wurde separat als Raubdruck verbreitet.
Fotomechanischer Raubdruck nach der Originalausgabe von Karls Korschs "Geleitwort" zum Kapital aus der Zeit der deutschen Studentenbewegung, Underground Press Syndicate, Berlin, 1968, 33 S.
Im kommunistischen Unter dem Banner des Marxismus vom 28. August 1932 (VI. Jg., H. 2) schreibt H. F. ebenfalls einen Verriss: "Die Behauptung, daß der Text nicht gekürzt worden sei, ist eine Lüge. Erstens ist der Text der 2. Ausgabe, besonders in den Fußnoten, ungeheuer zusammengestrichen worden, und zweitens stellt schon die Tatsache, daß Korsch dem Leser das „Kapital" nicht in der Fassung der 4., sondern der 2. deutschen Ausgabe vorsetzt, eine wesentliche Kürzung des Textes dar. [...] Karl Korsch bespricht das Hauptwerk des Marxismus, das in der Losung 'Expropriation der Expropriateure' gipfelt, ohne die Frage der proletarischen Revolution, der Diktatur des Proletariats, der Sozialisierung, des Eintritts der Sowjetunion in die Periode des Sozialismus zu stellen. [...] Die Redaktion besorgte Karl Korsch unter Mitarbeit von Thalheimer und Maslow, ein eigenartiges Dreigestirn, der einstmals ‚allerlinkeste‘ Korsch, der ultralinke Maslow und der rechte Opportunist Thalheimer.
Den Vertrieb übernehmen ADGB und SPD. Der einstmals ‚liberale‘ und selbständige‘, jetzt einer Bankgruppe gehörende Kiepenheuer-Verlag und seine Commis Voyageurs, ADGB und SPD, verlegen und vertreiben natürlich nur dann das ‚Kapital‘, wenn es den Wünschen und Interessen der Bourgeoisie gemäß kastriert wurde. [...] In kurzer Zeit wird die Volksausgabe des ‚Kapital‘ erscheinen, die das Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau vorbereitet hat. Hier wird jeder Proletarier sich überzeugen können, mit welcher Gründlichkeit und Sorgfalt die Herausgebearbeitet geleistet wurde."
A. F. Westermann lobt dagegen das Buch in der parteilosen Zeitschrift für Sozialforschung (Jg. I, Nr. 1/2, 1932):
Literatur:
Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, Otto Meissner, Hamburg, 1872
Michael Buckmiller (Hsg.), Karl Korsch, Gesamtausgabe, Bd. 5, Krise des Marxismus, Stichting beheerv IISG, Amsterdam, 1996
Michael Buckmiller (Hsg.), Karl Korsch, Gesamtausgabe, Bd. 8, Briefe 1908-1939, Stichting beheerv IISG/Offizin, Amsterdam, 2001
Carl-Erich Vollgraf, "Editionen im Wind ihrer Zeit. Die Volksausgaben von Band III des Kapital durch die Kautskys 1929 und das Moskauer IMEL 1933", in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge 1998
Siegfried Lokatis, 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage, Ch. Links, Berlin, 2011